Archiv Mai 2003                                                                   

Jugend bald ohne Gehör?

Morgens auf dem Schulweg Walkman hören, nachmittags bei Freunden die neuesten CDs testen und abends mit der Clique in die Disco oder ins Konzert – die Begeisterung ihrer Kinder für laute Musik kennen viele Eltern. Ob dies den Ohren auf Dauer gut tut, scheint dabei die wenigsten Jugendlichen zu interessieren, werden Hörprobleme doch häufig als „Altersleiden“ abgetan. „Dabei ist Schwerhörigkeit längst keine Frage des Alters mehr“, warnt Gerhard Hillig. „Menschen mit Hörprobleme werden vielmehr immer jünger.“

Ursachen für Hörprobleme gibt es viele. Die Annahme, dass Hörprobleme im Alter vorprogrammiert sind und man dagegen nichts unternehmen kann, ist jedoch grundweg falsch. Richtig ist vielmehr: Je mehr man seinen Ohren in der Jugend zumutet, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer späteren Hörminderung. Bereits in jungen Jahren ist daher ein sorgsamer Umgang mit dem Gehör geboten: Wer seine Ohren – z.B. in der Disco – regelmäßig großen Lautstärken aussetzt, darf sich später über Hörprobleme nicht wundern. Und: Wenn das Piepen nach zu viel lauter Musik aufhört, heißt dies noch lange nicht, dass man noch einmal „davongekommen“ ist. Oftmals stellen sich Hörprobleme schleichend ein, die Schädigung des Ohres ist nicht zwangsläufig sofort spürbar.

In unserer lauten Gesellschaft sind Prävention und Gehörschutz wichtiger denn je. Dabei geht es keineswegs darum, den Kids das Hören lauter Musik mit erhobenem Zeigefinger zu verbieten;

vielmehr kommt es darauf an, den Ohren auch einmal Ruhe zu gönnen. Wenn alles Reden der Eltern nichts hilft: „Viele Jugendliche erleben spätestens dann einen Aha-Effekt, wenn ihnen bewusst wird, was schwerhörig sein bedeutet – z.B. auf die Lieblingsmusik zu verzichten und den Disco-Besuch nicht mehr genießen zu können“ , weiß Gerhard Hillig.

Die regelmäßige Untersuchung des Gehörs sollte daher schon im Teenageralter selbstverständlich sein. Ein Hörtest beim Hörgeräte-Akustiker oder HNO-Arzt gibt Aufschluss darüber, wie gut es um das Hörvermögen bestellt ist und ob das Gehör bereits Schäden davongetragen hat. Einige Hörgeräte-Akustiker bieten auch die Möglichkeit, die Lautstärke des Walkman in Dezibel zu testen. Gerhard Hillig: „Nicht selten entspricht diese der Lautstärke eines Flugzeugs – für viele Jugendliche erschreckend und Anreiz genug, leisere Töne anzuschlagen.“

Wer bereits in jungen Jahren Hörprobleme hat, sollte so schnell wie möglich etwas dagegen unternehmen, zum Beispiel mit der Anpassung von modernen Hörsystemen. Lässt man die Hörminderung auf sich beruhen, gewöhnt sich das Gehirn daran, nur noch bestimmte Töne zu hören. Die Folge: Viele Höreindrücke gehen verloren; man wird mit der Zeit außerdem immer schlechter hören, denn das Gehör erholt sich nicht. Ob die Ohren alt oder jung sind, spielt hierbei keine Rolle.

FORUM BESSER HÖREN
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Arbeitslärm nicht zu locker sehen

(fgh) Bei manchen Dingen - Geld, Versicherungen oder guten Freunden - genügt es schon zu wissen, dass man sie hat. Um beruhigt zu sein, muss man nicht täglich damit zu tun haben. Bei Gehörschutz ist die Sache anders, er hilft nur, wenn man ihn ständig trägt. Dennoch verzichten viele Arbeitnehmer darauf, ihr Gehör zuverlässig zu schützen. Die Folge: Lärmschwerhörigkeit führt in vielen Ländern die Liste der Berufskrankheiten an.

Wer einen lauten Arbeitsplatz hat, hat auch Gehörschutz. Denn das ist gesetzlich vorgeschrieben. Wann und ob der Arbeitnehmer ihn nutzt, entscheidet er letztlich selbst. Eine Studie des RNID (Royal National Institute for Deaf and Hard of Hearing People) aus England ergab, dass nicht alle Arbeiter den vorhandenen Gehörschutz nutzen: 18 Prozent der Befragten gaben an, die zur Verfügung stehenden Ohrschützer nicht zu tragen. Bei Arbeitsplätzen mit besonders hohem Lärmpegel und Gehörschutz-Pflicht bekannten sich 29 Prozent der befragten Arbeiter dazu, den Schutz in lauten Bereichen nicht immer zu tragen. Die Konsequenzen dieses lockeren Umgangs mit Lärm sind vielen Menschen nicht bewusst: In vielen Fällen kommt es zu unheilbaren Gehörschäden.

In Deutschland werden - trotz vorhandener Gehörschutzmöglichkeiten - jährlich mehr als 6.000 neue Fälle arbeitsbedingter Lärmschwerhörigkeit festgestellt. Um Schäden zu verhindern, so die Studie, sollten die Arbeitnehmer über die Gefahren von Lärm aufgeklärt werden, sehr laute Arbeitsorte müssen besonders gekennzeichnet und selbstverständlich muss Gehörschutz zur Verfügung gestellt werden.

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Neulich im Café

... wurde ich unfreiwillig Zeuge des folgenden Dialogs: „Komm wir setzen uns hier hin.“ Zwei ältere Damen nehmen unmittelbar hinter mir Platz. Beim Studieren der Karte: „Ich glaube, für ein Eis ist es noch zu kalt.“ - „???“ – „Für ein Eis ist es noch zu kalt.“ – „Wer ist zu alt?“ – „... zu kalt!“ – „Was ist zu kalt?“ – „Eis!“ – „... heiß?. Was denn jetzt, heiß oder kalt?“ – „Für Eis ist es zu kalt.“ –  „Kannst Du nicht lauter sprechen?“

Als die Bedienung kam, bestellten beide einen Kaffee, den sie wortlos tranken. Die Wortlosigkeit hielt dann auch bis zum Bezahlen an – das Ende einer Kommunikation.

Übrigens: Beide Damen trugen Brillen. Selbstverständlich! Aber warum trug die eine kein Hörgerät?

Wolfgang Euerle
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Ruhiges Landleben?

(fgh) Wer sich das Dasein eines Bauern beschaulich und ruhig vorstellt, irrt offenbar. Eine Untersuchung von Landwirten aus dem Mittleren Westen der USA zeigt, dass der Alltag auf dem Bauernhof sehr laut sein kann.

So gaben 61 Prozent der befragten Landwirte an, dass ihre Sprache oft durch Lärm übertönt wird. Sie müssten deshalb sehr laut reden oder brüllen, um sich verständlich zu machen. Jeder Fünfte (21 Prozent) sagte, dass er täglich extrem lauten Situationen ausgesetzt ist. Bei jedem Dritten (33 Prozent) kommt es einmal pro Woche zu großer Lärmbelastung. Da in vielen Situationen gar keine Gespräche geführt werden müssen, könnte oft Gehörschutz genutzt werden. Dennoch gaben 78 Prozent der Befragten an, nie oder nur selten Ohrenschützer zu verwenden.

Lärm übertönt nicht nur die Stimmen hart arbeitender Landwirte. Er ist auch die Hauptursache für Hörprobleme in den USA, wie eine andere Studie zeigt. Ein Drittel (33,7 Prozent) der befragten erwachsenen US-Bürger nannte Lärm als Ursache für ihr Hörproblem. Dies zeigte eine Studie des "National Centre for Health Statistics". Weitere 28 Prozent der Befragten mit vermindertem Hörvermögen gab das Alter als Grund an. 17,1 Prozent führten den Hörverlust auf eine Entzündung oder Verletzung zurück. Knapp jeder 20. (4,4 Prozent) gab an, dass sein Hörvermögen von Geburt an verringert war. Die restlichen 16,8 Prozent nannten andere Gründe. Die oben genannten Landwirte werden Jahre später sicherlich ahnen, woher ihre Hörprobleme kommen...
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Wussten Sie schon, ...

... dass Verkehrslärm den Blutdruck in die Höhe treibt? - Wer nachts vor dem Schlafzimmerfenster einen Schallpegel von 55 Dezibel und mehr hat, trägt ein doppelt so hohes Risiko, behandlungsbedürftigen Bluthochdruck zu bekommen, wie Menschen, deren Nachtruhe weniger gestört ist. Dies belegt eine neue Studie des Robert Koch-Instituts im Auftrag des Umweltbundesamtes, an der 1.700 Menschen teilnahmen.

... dass Musik in Fitness-Studios oft gesundheitsgefährdend laut ist? - Das schwedische Institut für Berufsleben untersuchte den Lärmpegel in 32 unterschiedlichen Fitnesskursen. Gemessen wurden Lautstärken, die teilweise mehr als 85 Dezibel erreichten. Ab 85 Dezibel ist am Arbeitsplatz Gehörschutz vorgeschrieben. Da überrascht es kaum, dass zwei der Kursleiter bereits einen leichten Hörschaden hatten. Die Trainer waren übrigens der Meinung, die laute Musik steigere die Leistung der Kursteilnehmer. Ein Irrtum, denn die Studie ergab auch, dass die Freizeitsportler bei leiserer Musik genau die gleichen Leistungen erbrachten. Eine Studie aus den Vereinigten Staaten ermittelte bei Fitnesskursen sogar Werte von bis zu 110 Dezibel.

... dass Besucher von Karnevalsumzügen nach richterlichem Entscheid mit sehr lauten Knallen rechnen müssen und die Folgen eines Knalltraumas selbst zu verantworten haben? - Wer zum Karnevalsumzug geht, sollte Gehörschutz tragen. Denn falls man dort ein Knalltrauma erleidet, das einen Hörschaden und Tinnitus (Ohrgeräusche) zur Folge hat, hat man keinen Anspruch auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld. So entschied das Landgericht Trier (Az.:1 S 18/01). Direkt vor der betroffenen Klägerin wurde ein Böllerschuss abgegeben. Da Böllerschüsse aber bei solchen Umzügen üblich seien, und in diesem Fall auch vorher schon in regelmäßigen Abständen Böllerschüsse abgegeben wurden, hätte die Klägerin sich rechtzeitig zurückziehen oder sich anders vor Knallgeräuschen schützen können, so das Gericht. Bei Karnevalsumzügen gehe es bekanntermaßen immer laut zu.

... dass Odysseus bereits Gehörschutz verwendete? - Bei seinen Irrfahrten überstand der griechische Held allerlei Abenteuer - mit Mut und auch mit Köpfchen. So griff er, um dem verlockenden Gesang der Sirenen im Tyrrhenischen Meer nicht zu verfallen, zu Gehörschutz: Er verstopfte die Ohren seiner Gefährten an Bord mit Wachs. Sich selbst ließ er an den Mast seines Schiffes binden. So konnte er dem unwiderstehlichen Gesang der Sirenen zwar lauschen, doch vom Weg abbringen konnten sie ihn nicht.
Seinen Gefährten blieben die Qualen, die Odysseus durch die unerfüllten Verlockungen erleiden musste, dank Gehörschutz erspart.
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Schüler erfahren Schwerhörigkeit

Im Bundesdurchschnitt ist jeder fünfte bis sechste Deutsche schwerhörig: Mit 15 Millionen Hörgeminderten ist Schwerhörigkeit damit längst eine Volkskrankheit, von der auch immer mehr junge Menschen betroffen sind. Häufiges Walkman-Hören und laute Konzertbesuche schaden den Ohren erheblich und sorgen dafür, dass auch Teenager schon unter Hörproblemen leiden. Doch wie kommen Hörgeminderte im Alltag zurecht? Und wie reagiert die Umwelt, wenn jemand schlecht hört und öfter nachfragen muss?

Das Forum Besser Hören führte vor diesem Hintergrund kürzlich das bundesweit einmalige Pilotprojekt „Schüler erfahren Schwerhörigkeit“ durch: 24 Schüler einer 7. Gymnasialklasse aus Hamburg wurden mit Ohrstöpseln ausgestattet und mussten – nunmehr nur noch eingeschränkt hörend – Aufgaben des täglichen Lebens erledigen: z. B. beim Bäcker ein Brötchen kaufen, im Kaufhaus den Preis für ein Fahrrad einholen, sich am Schalter des ÖPNV nach dem Fahrplan erkundigen, in der Sparkasse nach einem Sparbuch fragen.

Die zwölfjährige Georgina nach der knapp zweistündigen Aktion: „Ich hätte nicht gedacht , dass man als Schwerhöriger so sehr auf ein entgegenkommendes Verhalten seiner Mitmenschen – lautes und deutliches Sprechen, Geduld – angewiesen ist.“ Den Unterschied zwischen normal und eingeschränkt hörend bemerkten die Schüler vor allem im Straßenverkehr, bei dem sie sich viel unsicherer fühlten als mit intaktem Gehör, und in lauter Umgebung mit vielen Hintergrundgeräuschen. Naturgeräusche wie z.B. Vogelgezwitscher oder auch ihre Schritte auf dem Asphalt nahmen sie gar nicht mehr wahr.

„Die Schüler sollten erleben und nachvollziehen können, wie man sich als Schwerhöriger fühlt“, beschreibt Birgit Ney vom Forum Besser Hören das Ziel des Projekts. „Wichtig ist dabei, dass typische Alltagssituationen nachgestellt werden, bei denen Schwerhörige in der Regel Probleme haben.“

Das Projekt umfasst neben dem oben beschriebenen Aktionstag auch eine Vor- und Nachbereitung durch den betreuenden Lehrer mit Unterrichtseinheiten zu Aufbau und Funktionsweise des Ohres, Schwerhörigkeit, Gehörschutz und Behandlung von Hörproblemen mit modernen Hörsystemen. Außerdem steht bei den teilnehmenden Schülern ein Hörtest auf dem Programm. Studienrat Markus Gruber, Biologielehrer der am Pilotprojekt teilnehmenden Klasse: „Die Schüler setzen sich bei diesem Projekt auf ungezwungene Art und Weise mit dem Thema Schwerhörigkeit auseinander und lernen gleichzeitig etwas fürs Leben – das macht Spaß.“

Das Projekt startet nach dem erfolgreichen Testlauf nun auch auf Bundesebene: Interessierte Lehrer, die „Schüler erfahren Schwerhörigkeit“ mit ihrer Klasse ebenfalls durchführen möchten, können sich an das Forum Besser Hören, Spadenteich 1, 20099 Hamburg, Fon 040-28401350, Fax 040-28401340 wenden. Das Forum Besser Hören stellt Informationsmaterial und Demo-CDs zur Verfügung, gibt Tipps zur Durchführung des Projekts und hilft bei der Vermittlung eines Hörgeräte-Akustikers vor Ort.

Forum Besser Hören
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